Teil eins dieser Beitragsreihe finden Sie hier.

Also unser Lokführer hat den Zug übernommen und ist bereit für die Abfahrt. Und schon beginnt der tägliche „Bahnsinn“1. Aufgrund von Zugfolge und Gleisbelegung verschiebt sich die Abfahrt unseres Güterzuges um 26 Minuten.

Das ist für den weiteren Fahrtverlauf erstmal nicht weiter schlimm, da auf den Unterwegsbahnhöfen noch insgesamt 43 Minuten Aufenthalt eingeplant sind. Oh Moment, da fahren ja auch noch andere Züge! Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Unser Lokführer holt die Verspätung heraus und ist pünktlich zum Feierabend an der Heimatdienststelle.
2. Die anderen Züge „verbiegen“ unseren Güterzug so das er mit eineinhalb Stunden Verspätung (oder mehr) an der Heimatdienststelle unseres Lokführers ankommt2

Nach rund einer Stunde ereignisloser aber zögerlicher Fahrt (weil zwischendurch immer Platz gemacht werden muss für schnellere Züge) passiert es. Am Einfahtsignal eines Bahnhofes wird unser Zug gestellt und über Funk bekommt unser Lokführer die Meldung, dass an der 196ten Achse auf der (in Fahrtrichtung) linken Seite eine Heissläufermeldung vorliegt.

Jetzt wird es spannend denn es gilt einiges an Regelwerk zu beachten. So darf die Zugfahrt nur noch unter bestimmten Bedingungen weitergeführt werden. Eine uneingeschränkte Weiterfahrt ist nur nach einer vorherigen Untersuchung des Wagens mit negativem Befund möglich. Als Grundsatz gilt jetzt, der Zug bleibt stehen und der Lokführer untersucht das gemeldete Radlager. In unserem Fall fährt unser Lokführer den Zug allerdings mit Schrittgeschwindigkeit in das durchgehende Hauptgleis des Bahnhofs. Dort lässt er sich vom Fahrdienstleiter das Nachbargleis auf der (in Fahrtrichtung) linken Seite des Zuges sperren, nimmt die Wagenliste sowie den Bremszettel und ein kleines Buch mit Abhilfemaßnahmen und Störcodes mit und läuft nach hinten.

Oh ja ein Buch mit Abhilfemaßnahmen. Dazu aber später noch mehr!

Nachdem unser Lokführer bei der 196ten Achse angekommen ist kann er jedoch keinen unnormalen Temperaturanstieg feststellen. Also prüft er auch die davor und dahinter liegende Achse, sowie die andere Seite (auch alle drei Achsen). Stellt er auch dort nichts Ungewöhnliches fest, stellt er einen Wagenstörmeldezettel aus, befestigt ihn im Zettelkasten des Wagens und begibt sich wieder auf die Lok. Dort angekommen kann die Sperrung des Nachbargleises wieder aufgehoben werden und eine Meldung an eine zentrale Störungsstelle muss erfolgen. Dort wird abgeglichen ob dieser Wagen bereits auffällig geworden ist um zu klären ob evtl. ein „versteckter“ Schaden vorhanden ist. Ergibt auch dies nichts kann nun die Fahrt weitergehen. Durch diese Störung haben wir jetzt allerdings etwa 35 Minuten Verspätung hinzugewonnen was uns jetzt bei einer Gesamtverspätung von 50 Minuten die Fahrt wieder aufnehmen lässt.

Langsam nähern wir uns der Hälfte der Strecke und nun müssen wir uns langsam auch überlegen, was unser Arbeitszeitgesetzt so zu sagen hat. Denn dort und im Tarifvertrag steht das ein Lokführer maximal 5 Stunden am Stück und maximal 10 Stunden am Tag fahren darf. Heißt nach spätestens 5 Stunden ist eine Pause fällig. Wir sind jetzt mit unserem Zug rund 3 Stunden unterwegs und haben knapp die Hälfte der Strecke  zurückgelegt. Wir könnten (unter optimalen Bedingungen) noch 30 Minuten Verspätung herausholen. Also was tun?

Richtig unser Lokführer entscheidet sich dazu eine Pause einzulegen. Heißt also die Zugüberwachung anfunken und klar machen, dass die Fahrt unterbrochen werden muss. Wir halten also im nächsten Bahnhof sichern den Zug und gehen in einen Pausenraum. Dort machen wir 30 Minuten Pause und richten dann den Zug zur Weiterfahrt her. Jetzt haben wir eine Verspätung von knapp 90 Minuten oder anderthalb Stunden!

Weil aber eben gerade der Regionalexpress aus dem Bahnhof gefahren ist, nehmen wir mit einer Verspätung von 102 Minuten wieder Fahrt auf. Heißt also im besten Fall ist der Feierabend mittlerweile von 16:11 Uhr auf 17:23 Uhr „vorgerückt“.
Sie kennen Murphy´s Gesetzte? Ich habe es nur sehr selten erlebt dass eine Störung alleine kam! So auch bei unserem Lokführer.

Die Fahrt verlief soweit, bis auf die Verspätung, ereignislos. Doch „auf einmal“ 20 km vor dem Ziel kommt der Anruf eines Fahrdienstleiters, dass im hinteren Drittel des Zuges eine Plane lose ist und sich im Fahrtwind aufbauscht.

Dazu dann mehr im dritten Teil!

Wird fortgesetzt!

  1. Ursprünglich für die täglichen Hindernisse und Schwierigkeiten von Berufs- Bahnpendlern [«]
  2. Ist auch mir schon passiert! [«]